News

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Schule und Pädagogik

Workshop am 27./28.06.2016 im Lisum Berlin-Brandenburg. Referent_innen: Vivien Laumann & Andreas Hechler. Mehr Information.

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der Jugendarbeit - Akzeptanz fördern - Angebote gestalten

Workshop in Kooperation mit dem Institut für Jugendarbeit Gauting, 4. - 6. April 2016. Referent*innen: Katharina Debus und Mart Busche
Informationen / Anmeldung (nach Möglichkeit bitte bis 14.3.)

Workshop 'Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als Themen inklusiver Pädagogik'

in Kooperation mit dem Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg, 9. und 10. April 2016. Referent*innen: Vivien Laumann und Tamás Jules Fütty.
Weitere Infos / Anmeldung unter: info@lebenskunde.de

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Schule und Pädagogik: Selbstbestimmung für alle

Workshop in Kooperation mit dem Pädagogischen Institut München, 13. - 15. Juni 2016. Referent*innen: Katharina Debus und Goska Soluch
Information

Neues Projekt: Alternative Future

Erforschung der Bedarfe in der Arbeit mit gewaltbetroffenen Kindern und Jugendlichen und Entwicklung eines Praxisentwicklungs- programms. Mehr Information

Vortrag: "(Extrem) rechte Rhetorik..."

"...als Angriffe auf geschlechtliche und sexuelle Selbst-
bestimmung" am 14.06.2016 in Wien. Mehr Information

Die "Volksgemeinschaft" bröckelt

Interview mit Andreas Hechler zu geschlechterreflektierter Pädagogik gegen Rechts [21. Dezember 2015]

Neue Website zu intersektionalen Ansätzen der Jugendarbeit

Ankündigung: Neue Website von österreichischen Kolleg_innen zu intersektionalen Ansätzen der Jugendarbeit, u.a. mit Materialien von Dissens.

Stellungnahme zum Spiegelartikel

[Siehe auch: Solidaritätserklärungen]

In einem Artikel des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" werden die Gender Mainstreaming-Strategie, das Pilotprojekt "Neue Wege für Jungs", die Bundesregierung, die Bundesministerin Frau von der Leyen und auch Dissens e.V. angegriffen. Eine erste Stellungnahme der Geschäftsführung von Dissens e.V. hier:

Unter der Überschrift: "Der neue Mensch" schreibt René Pfister im "Spiegel" 1/2007 einen Artikel über die Umsetzung der Gender Mainstreaming-Strategie durch die Bundesregierung und stellt darin bizarre und unzutreffende Behauptungen auf.

  • Der Autor beschreibt Gender Mainstreaming fälschlicherweise als ein "Erziehungsprogramm", das nicht nur die Lage der Menschen, sondern die Menschen selbst ändern solle. In Wirklichkeit ist Gender Mainstreaming eine Strategie, die auf Veränderung von Politik und Verwaltungshandeln zielt.
  • Der Autor versucht die vielen bei der Umsetzung der Gender Mainstreaming-Strategie aktiv mitarbeitenden weiblichen und männlichen MitarbeiterInnen von Verwaltungen, Ämtern und Institutionen zu diskreditieren, in dem er willkürlich herausgegriffene Beispiele aus einzelnen Studien anführt. Diese sollen so als seltsame Auswüchse einer scheinbar absurden Verwaltungstätigkeit erscheinen. Über die Gesamtaussagen der Studien und die Motive der auftraggebenden Verwaltungen erfahren die LeserInnen nichts.
  • Der Autor kritisiert das Bildungsprojekt "Neue Wege für Jungs", durch die Jungen und junge Männer an diejenigen Pflege- und Sozialberufe herangeführt würden, die zu geringe Karriereaussichten bieten würden. Der Grund ist, dass er die Zielrichtung von "Neue Wege für Jungs" absichtlich oder unabsichtlich missversteht: Dort geht es um die Reflektion von Geschlechterrollen, die Erweiterung von Berufsperspektiven für Jungen und um die Erweiterung von sozialen und pflegerischen Kompetenzen für Jungen, damit Jungen sich nicht weiterhin selbst aus bislang als "weiblich" angesehenen Berufsfeldern ausschließen.
  • Als Beispiel für Gender Mainstreaming in der Praxis kommt der Autor unter anderem auf Dissens e.V. zu sprechen und schreibt etwa, Ralf Puchert, einer der Dissens e.V. - Geschäftsführer/innen, habe es sich zur Lebensaufgabe gemacht, einen anderen Mann zu "formen". Dissens e.V. quäle Jungen mit einer Pädagogik, die ihre Identität zerstören solle. Diese polemisierende Darstellung verfälscht die Arbeit von Dissens e.V. - dies lässt sich nur als Abwehr des Autors gegen die in den letzten Jahrzehnten durch die Arbeit von Dissens e.V. und vielen anderen Männern und Frauen entwickelten emanzipatorischen Männlichkeits- und Weiblichkeitsentwürfe lesen. Diese versucht Pfister zu diffamieren und der Lächerlichkeit preiszugeben.

Wir möchten die Gelegenheit nutzen, die Berichterstattung richtig zu stellen. Dabei beschränken wir uns an dieser Stelle auf die Kritik an der Jungenarbeit von Dissens e.V. und gehen nicht weiter auf die ähnlich tendenziösen und verfälschenden anderen Teile des Artikels ein. Dies haben andere bereits getan, und auch wir werden dies an geeigneter Stelle nachholen.

Dissens e.V. ist ein Fachträger für geschlechterdifferenzierte pädagogische Arbeit mit Jungen. Schwerpunkt der Angebote des Arbeitsbereichs Jungenarbeit sind verschiedene Hilfsangebote für Jungen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung.

Wir führen auch Seminare im Rahmen der geschlechtsspezifischen politischen Jugendbildungsarbeit durch, darunter die Antidiskriminierungstrainings "Alle sind gleich - alle sind verschieden" sowie gelegentlich Projekttage und -wochen für Schulklassen, in aller Regel in enger Zusammenarbeit mit Mädchenarbeitsfachträgern.

Es geht in der Jungenarbeit von Dissens e.V. um die Erweiterung von Geschlechtervorstellungen und um die Infragestellung von tradierten und die Jungen häufig in ihrem Potential einengenden Männlichkeitsbildern.

Unsere pädagogische Arbeit beruht auf der Wertschätzung von Jungen und zielt einerseits darauf die Handlungskompetenzen, insbesondere in Bezug auf Sozialkompetenz, zu erweitern und andererseits dominantes und gewalttätiges Verhalten von Jungen zu begrenzen. Insbesondere bei den Hilfen zur Erziehung wird jeder einzelne Junge auf Grundlage seiner Ressourcen und seines Förderbedarfs gestärkt. In kurzzeitpädagogischen Bildungsmaßnahmen der politischen Jugendbildung wird in Jungengruppen vorwiegend zu "Rollenerweiterung" von Jungen gearbeitet.

Insgesamt fördert die Arbeit von Dissens e.V. soziale Gerechtigkeit und Lebensqualität von Frauen und Männern.

Das alles weiß René Pfister und spitzt seine Interpretationen im "Spiegel" über die Jungenarbeit von Dissens e.V. so zu, dass vom realen Kern unserer Arbeit nichts mehr sichtbar wird und ein verfälschender, sinnentstellender Eindruck zurückbleibt.

Wenn der Autor schreibt, Dissens e.V. habe von Jungenarbeit "eine sehr eigene Vorstellung, denn es geht dabei auch darum, Jungs schon früh zu Kritikern des eigenen Geschlechts zu erziehen", dann sitzt er seinen eigenen Missverständnissen auf. Es geht nicht um die Kritik am eigenen Geschlecht, sondern um die Kritik an gesellschaftlichen Bildern von Männlichkeiten und traditionellen Männervorstellungen, die mit dominierenden, gewalttätigen Attributen besetzt sind und eine Einschränkung der Entwicklungsmöglichkeiten von Jungen darstellen. Das eigene Geschlecht, Geschlechtsstereotype und gesellschaftlich zugeschriebene Rollen reflektieren zu können ist persönlichkeitsstärkend und setzt an den Lebenslagen und Lebenserfahrungen der Jungen an.

Obwohl der Autor in mehrstündigen Gesprächen mit Dissens e.V.-MitarbeiterInnen Gelegenheit hatte, sich ein differenziertes Bild von unserer aktuellen Arbeit zu machen, benutzt er einen mehrere Jahre alten missverständlichen Bericht über eine Projektwoche, um die Jungenarbeit von Dissens e.V. zu diskreditieren. Dort hätten "die beiden Dissens-Leute einem besonders selbstbewussten Jungen (vorgeworfen)' 'dass er eine Scheide habe und nur so tue, als sei er ein Junge'".

Die den Kontext nicht angemessen wiedergebende Art der Beschreibung erweckt einen falschen Eindruck unserer Pädagogik: Ziel unserer gesamten Arbeit ist es Jungen zu stärken - auch dadurch, dass wir ihnen mehr Möglichkeiten eröffnen, auf ihr Mann-Sein zu schauen. Dies war auch die Absicht dieser irritierenden Intervention: deutlich machen, dass es vielleicht Dinge gibt, die nur scheinbar so sind wie sie erscheinen. In dem Projektbericht, auf den der Autor sich bezieht, ist dies falsch oder zumindest missverständlich dargestellt. Jede Provokation ist in ihrer Rezeption abhängig von dem Beziehungskontext in dem sie stattfindet. In dieser Projektwoche im Jahre 2003 wurde mit Jungen einer 9. Klasse kontinuierlich und wertschätzend gearbeitet. Die Jungen haben diese Woche sehr positiv aufgenommen. Sie fanden einiges anstrengend, hatten viel erlebt und sagten von sich, sie seien ins Nachdenken gekommen. Davon hat der Autor nicht berichtet.

Wenn der Autor schreibt, den Dissens-Mitarbeitern "ging es um die 'Zerstörung von Identitäten' (...) Das Ziel einer nichtidentitären Jungenarbeit' sei 'nicht der andere Junge sondern gar kein Junge'", dann verwechselt er hier theoretische Debatten und Reflexionen zur pädagogischen Arbeit mit der pädagogischen Praxis in der Jungenarbeit.

Heide Oestreich schreibt in der taz vom 10.1.2007 zu Recht:

Diese Infragestellung der herrschenden Männeridentität lässt sich - philosophisch-konstruktivistisch ausgedrückt - als Zerstörung von Identitäten bezeichnen. Der Spiegel tut aber so, als sollte der Junge an sich zerstört werden.

Die absichtliche oder unabsichtliche Fehlinterpretation des Spiegel-Autors ist völlig irreführend, denn die Auseinandersetzung mit tradierten Geschlechtskonzepten und Identitätsmustern geht mit der Stärkung der Persönlichkeit der Jungen einher - nicht mit einer Schwächung oder der von Pfister imaginierten "Zerstörung".

Den theoretisch prägnanten Terminus 'Zerstörung von Identitäten' zu benutzen, wie in dem zitierten Bericht geschehen, halten wir, selbstkritisch betrachtet, inzwischen für irreführend und nicht sinnvoll, um dekonstruktivistische Jungenarbeitsansätze zu beschreiben. Darunter ist eine Zusammenfassung des Prozesses zu verstehen, wie Jungen sich mit einengenden Männlichkeitsbildern auseinandersetzen und sich auf dieser Basis größere Handlungsspielräume erobern können. Ausführlicher ist diese Sichtweise z.B. bei Prof. Dr. Uwe Sielert beschrieben. (Vgl. Sexualpädagogik weiterdenken. Von der antiautoritären Herausforderung zur Dekonstruktionpostmoderner Sexualkultur (PDF)).

In der Tagungsdokumentation "ALLES GENDER? ODER WAS? Theoretische Ansätze zur Konstruktion von Geschlecht und ihre Relevanz für die Praxisin Bildung, Beratung und Politik" (PDF) der Heinrich-Böll-Stiftung beschreiben Jens Krabel und Sebastian Schädler unter anderem:

Zur Herstellung und Stabilisierung von männlicher Identität gehörte die Abgrenzung vom Weiblichen und die ständige Bestätigung sich selbst und anderen gegenüber, dass 'mann' eben nicht Frau ist. Diese Bestätigung geschieht durch einen sich ständig wiederholenden Prozess der Selbstinszenierung von Männlichkeit. Das heißt, die Subjekte inszenieren jeden Tag immer wieder aufs Neue ihre eigene bestimmte männliche Art zu laufen, zu reden, zu denken, etc. - doing gender. Identitätskategorien beschreiben nicht nur, wie jemand sein soll, sondern sind immer auch wertend und schließen das aus, was nicht in die Kategorien passt.

Wenn gesagt wird, das Ziel einer nicht-identitären Jungenarbeit sei nicht der 'andere Junge' sondern 'gar kein Junge', ist damit die Möglichkeit gemeint, sich grundsätzlich individuell frei von einengenden gesellschaftlich zugeschriebenen Männlichkeitsbildern entwickeln und verhalten zu dürfen.

René Pfister will die Fortführung der Umsetzung der Gender Mainstreaming-Strategie durch die Bundesregierung, die sich dazu im EU-Rahmen verpflichtet hat, attackieren. Dazu benutzt er, wider besseres Wissen und unzulässig verkürzt, aus dem Zusammenhang gerissene Elemente und Zitate eines Randbereichs der Jungenarbeit von Dissens e.V. aus dem Jahr 2003.

Eine derartig einseitige und tendenziöse Berichterstattung hatten wir von dem Nachrichtenmagazin nicht erwartet, insbesondere nachdem einige MitarbeiterInnen sich mehrere Stunden Zeit genommen haben, um dem Autor ein differenziertes und vielfältiges Bild unserer Arbeit zu vermitteln.

Doch wer von vornherein einen tendenziösen und abwertenden Artikel über Gleichstellungspolitik schreiben möchte, muß sich aus dem Zusammenhang herausgerissene Textstellen suchen, um seine Position wenigstens scheinbar belegen zu können. Eine argumentative Auseinandersetzung mit den Stärken und Schwächen der Gender Mainstreaming-Strategie liefert der "Spiegel" nicht.

Geschäftsführung Dissens e.V.
Berlin, Januar 2007

Solidaritätserklärungen

Leserinnenbrief von Claudia Wallner vom 2. Januar 2007 an den "Spiegel":

Selten war ein Artikel im SPIEGEL so polemisch unter dem Deckmantel der Berichterstattung wie der von René Pfister mit dem Titel "der neue Mensch" und - was noch schlimmer ist - so fachlich falsch und politisch fatal! Gender Mainstreaming ist entgegen der offensichtlich schlechten Recherche des Autors keine "merkwürdige Wendung", sondern eine politische Strategie zur Chancengleichheit, die zunächst von den Vereinten Nationen, in Folge von der Europäischen Union und dann von ihren Mitgliedsstaaten verabschiedet wurde. Sie zielt auch nicht auf "die Zerstörung von Identitäten", wie der Autor verstanden zu haben meint, sondern auf die Veränderung von Politik, indem von den Hierarchiespitzen her Verwaltungen und Politik dazu verpflichtet werden, das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern regelhaft zu berücksichtigen. GM ist eine Strategie, die mit Organisations- und Personalentwicklung zu verbinden ist und Beschlüsse und Praxis grundsätzlich geschlechtergerecht gestalten helfen soll.

Wer eine Vorstellung davon bekommen will, wie GM funktioniert, sollte eben nicht bei einem Freien Träger vorbeischauen, wie der Autor fälschlicherweise empfiehlt, sondern bei einer Verwaltung wie bspw. dem Berliner Senat, weil dies die relevanten Akteure von GM sind: Politische Gremien und Ausschüsse und öffentliche Verwaltungen. Freie Träger sind überhaupt von dieser Strategie nur dann tangiert, wenn sie öffentliche Mittel beziehen wollen, die verknüpft sind mit der Verpflichtung zur Umsetzung von GM oder wenn sie sich selbst freiwillig dieser Strategie verpflichten. Insofern ist es natürlich völlig verfälschend, wenn der Autor nahelegt, dass das, was ein Freier Träger in Berlin in einer Projektwoche an Konzept anbietet, die Umsetzung von Gender Mainstreaming sei. Dies zeigt m.E. nur die Unkenntnis des Autors und wirft die Frage auf, was sein eigentliches Problem ist? Geschlechtergerechtigkeit ist eben keine "akademische Nischendisziplin", sondern basaler Anspruch einer demokratischen Gesellschaft - das sollte eigentlich auch beim SPIEGEL schon angekommen sein.

Ich frage mich, ob es irgend ein anderes politisches Thema gibt, zu dem der SPIEGEL ein solches Sammelsurium von aus dem Zusammenhang gerissenen Teilwahrheiten veröffentlichen würde - dass er es gerade zu diesem Thema tut, sagt viel aus über das geschlechterpolitische Verständnis dieser Zeitschrift."

Dr. Claudia Wallner - Referentin, Praxisforscherin, Autorin - Münster.

Leserbrief von Prof. Dr. Höyng, 17. Januar 2007

Leserbrief zum Artikel von René Pfister, "Der neue Mensch", Spiegel 1/30.12.2006

Die globale Marktwirtschaft benötigt in Europa immer weniger Männer, die traditionelle Männlichkeit - z.B. dominant, wortkarg, gewaltbereit - als Stütze für ihren Selbstwert brauchen. Jungen, die sich an solchen Klischees orientieren, grenzen eigene Interessen und Bedürfnisse ein und sind damit in ihrer Entwicklung behindert.

Identitätskritische Jungenarbeit entwirft keine neue Männlichkeit, kein neues Klischee, an dem sich Jungen abarbeiten müssten. Aber sie stellt die Bedeutung der traditionellen Männlichkeit in Frage. Das Ziel identitätskritischer Arbeit ist die Stärkung der einzelnen Jungen durch die genauere Wahrnehmung gerade ihrer Interessen. Jungen sollen unabhängig von Männlichkeits- und Weiblichkeitsklischees entscheiden dürfen, was für sie gut ist. Zerstört werden dabei keine Persönlichkeiten, sondern bestenfalls einige Klischees.

Dass einige Männer ausfallend werden, für die die Identitätskrücken traditioneller Männlichkeit unentbehrlich zu sein scheinen, betrachte ich weniger als Diskussion identitätskritischer Arbeit als viel mehr als Ausdruck der Angst vor der nahenden Veränderung.

Prof. Dr. Stephan Höyng, Professor für Jungen und Männerarbeit Berlin

Brief von Margot Wichniarz, Senatsverwaltung Berlin, an den SPIEGEL, 5. Februar 2007

Sehr geehrter Herr Pfister,

leider komme ich erst jetzt dazu, auf Ihren Artikel zu reagieren. Ich wollte aber dennoch zumindest kurz Stellung nehmen. Lt. polizeilicher Kriminalstatistik sind für mehr als zwei Drittel aller physischen Gewaltdelikte Jungen, männliche Jugendliche und Männer verantwortlich. Wir, die Mitarbeiter/innen der Geschäftsstelle der Landeskommission Berlin gegen Gewalt, kommen immer mehr zu der Überzeugung, dass es u. a. die Anforderungen an eine traditionelle männliche Geschlechterrolle (cool, stark, überlegen, einflussreich, mächtig, ein Gewinner sein etc.) sind, die Jungen bzw. Männer so unter Druck setzen, dass sie, wenn sie diesen Anforderungen nicht gesellschaftlich legitimiert entsprechen können, lieber kriminell werden, als sich des Vorwurfs, sie könnten sich wie Mädchen bzw. Frauen oder eben weibisch verhalten, auszusetzen. (s. dazu Schnack und Neutzling "Kleine Helden in Not" - ein Muss, wenn sich jemand mit Gender und der drohenden Gefahr der "Entmännlichung" von Männern befasst.)

Wir sind zunehmend der Ansicht, dass ein ganz wesentlicher präventiver Schlüssel zur Problematik die kritische Auseinandersetzung mit der traditionellen männlichen Geschlechterrolle ist. Wenn dem so sein sollte, dann stellt sich die Frage, wie dies gelingen kann. Hier spielen die Sozialisationsinstanzen Familie, Kita, Schule und Jugendhilfe eine wesentliche Rolle. Sie alle haben in unterschiedlichem Maße einen erzieherischen Auftrag, d.h.: Sie sollen junge Menschen u. a. bei der Entwicklung sozialer Kompetenzen unterstützen und letztlich dazu beitragen, dass sie im Umgang mit sich selbst und anderen auf den Einsatz von Gewalt verzichten. Wenn dabei traditionelle Geschlechterzuschreibungen eine Rolle spielen, müssen letztlich auch diese in Bildungseinrichtungen thematisiert und problematisiert werden.

In Bezug auf die kritische Auseinandersetzung mit der traditionellen männlichen Geschlechterrolle spielt eine Art von Jungenarbeit eine Rolle, so wie sie von den Mitarbeiter/innen von Dissens e.V. durchgeführt wird. Genau das war u. a. ein Grund dafür, dass wir unsere letzte Veranstaltung zum Thema "Gewaltprävention und Jungen - Erarbeitung eines Konzept für eine geschlechtsbewusste Jungenarbeit" mit Dissens e.V. durchgeführt haben.

Insgesamt gesehen habe ich den Eindruck, dass Sie in Ihrem Artikel mit ironisch formulierten Äußerungen billige Effekte erhaschen wollen. Dem wissenschaftlichen Werk von Judith Butler beispielsweise mit zwei Sätzen gerecht werden zu wollen, ist schlichtweg unredlich und widerspricht jeglichem Anspruch auf einen fundierten, informativen Journalismus.

Leider ist es mir aufgrund von Zeitmangel nicht möglich eine ausführlichere Stellungnahme zu Ihrem Artikel abzugeben. Ich verweise deshalb im Weiteren auf die Dokumentation unseres 6. Berliner Präventionstages, die unter dem Motto "Männliche Sozialisation und Gewalt" stand.

Mit freundlichem Gruß
Margot Wichniarz

Margot Wichniarz, Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Landeskommission Berlin gegen Gewalt

Leserbrief von Prof. Dr. Sabine Hark

Leserbrief zum Artikel von René Pfister, "Der neue Mensch", Spiegel 1/30.12.2006

"Feminismus ist keine Frage des Glaubens, sondern eine Antwort auf Statistiken", sagt die Journalistin Ingrid Kolb, u. a. Autorin des "Spiegel" und zwischen 1995 und 2006 Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule. Das gilt auch für Gender Mainstreaming; ein Konzept, das zunächst nicht mehr besagt, als dass jegliche politische Entscheidung hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf beide Geschlechter geprüft wird. In einem demokratischen Gemeinwesen sollte das eine Selbstverständlichkeit sein: Eine Einsicht, der sich auch die große Koalition nicht verschlossen hat, weshalb sie das unter Rot-Grün 1999 eingeführte Geschäftsprinzip nicht revidierte. Wie sehr allerdings in diesem Land wie in keinem anderen der westlichen Welt Geschlechtergerechtigkeit böswillig ideologisiert und dämonisiert wird, das konnte jüngst im "Spiegel"-Artikel von René Pfister zu "Der neue Mensch" (Nr. 1/30.12.2006) besichtigt werden. Es lohnt kaum auf die Argumente, die keine sind, einzugehen, verliehe man ihnen damit doch mehr Gewicht als sie verdienen. Festzuhalten bleibt, dass der "Spiegel", der sich seit seinem ersten Erscheinen als "Nachrichtenmagazin" versteht, einmal mehr seinem Ruf gerecht geworden ist, Mythen zu produzieren statt sachlich zu informieren, wenn es um Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit geht - und damit erneut kenntlich geworden ist als ein Blatt, dem Gerechtigkeit ein Dorn im Auge ist, wenn es um gleiche Chancen von Frauen und Männern geht. Ich bedauere die Zeit, die ich für das Gespräch mit Herrn Pfister aufgebracht habe.

Prof. Dr. Sabine Hark, Berlin

Leserbrief Stefan Beier, genderWerk Berlin

Leserbrief zu: Der neue Mensch, Spiegel 1/2007.

Das Verblüffende an Pfisters Beitrag ist, dass er vermutlich nicht als Karnevalsscherz, sondern ernst gemeint ist. Das macht ihn zum Peinlichsten, was ich seit langem gelesen habe. Er bedient sich in bester Boulevard-Manier aller Techniken marodierenden Sensationsjournalismus': emotionale catch-words, schlechte Recherche, sinnentstellende, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, Tatsachenverdrehungen und -verkürzungen, Falschbehauptungen und, vor allem, persönliche Diffamierung. Das Menschenverachtende, was er Dissens-Mitarbeitern vorwirft, zelebriert Pfister selbst: Fertigmachen ist die Losung, mit sportlichem Ehrgeiz verfolgt. Als Männerarbeiter und Gendertrainer kenne ich das Feld und die Akteure gut. Der Artikel ist Lichtjahre von der Realität jener geschlechtersensiblen Bildungsarbeit entfernt, die er zu beschreiben vorgibt. Seit vielen Jahren werden mit persönlichkeitsstärkenden Ansätzen Jungen und Mädchen betreut, Frauen und Männer unterstützt in genderrelevanten Prozessen.

Die emanzipatorischen Erfolge der Strategie Gender Mainstreaming - für beide Geschlechter - sind unbestritten und fern jeder Indoktrination.

Falls Herr Pfister sich damit einmal wirklich beschäftigen will anstatt reflexartig um sich zu schlagen, kann ich ihn gerne in eine der hundertfach in Deutschland existieren Männergruppen vermitteln.

Stefan Beier, genderWerk Berlin

Leserbrief Marc Gärtner, Kulturwissenschaftler

Leserbrief zu dem Artikel: Der neue Mensch, Spiegel 1/2007

Herzlichen Glückwunsch, Herr Pfister! Sie haben Ihren kenntnisfreien Artikel über Gleichstellungspolitik mit soviel Ressentiment verfasst, dass die rechtsradikale Postille "Junge Freiheit" nur bei Ihnen abschreiben musste. Das kommt davon, wenn man der Gegenaufklärung die Stange hält. Wer Information über Männer und Gleichstellungspolitik haben möchte, kann gerne unter www.dissens.de nachschauen. Wem das Denken zu unbequem ist, darf bei "Spiegel" oder der "Jungen Freiheit" bleiben.

Marc Gärtner, Kulturwissenschaftler, Dissens e.V., Berlin

Solidaritätserklärung des Fachverbandes Gender Diversity vom 26.05.2007

Liebe Kollegen und Kolleginnen von Dissens e.V.,

auf der diesjährigen Klausurtagung von Gender Diversity - Fachverband für gender-kompetente Bildung und Beratung haben wir mit fast 30 Teilnehmenden über den Artikel des Spiegels 1/07 Der neue Mensch von René Pfister diskutiert und einstimming entschieden unsere Solidarität mit dem Verein Dissens e.v. auszusprechen, dessen Arbeit durch diesen Artikel diskreditiert wird stellvertretend für das Engagement vieler Instiutionen und Einzelpersonen, die sich um Geschlechterdemokratie verdient machen.

Zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Argumenten des Autors verweisen wir auf die Website von Dissens, auf der Stellungnahmen, Leserbriefe und wissenschaftliche Beiträge aufgeführt sind.

Besonders die zum Großteil anonymen Reaktionen vor allem im Internet übersteigen die Grenze von Toleranz und verletzen persönlich MitarbeiterInnen von Dissens.

Wir befürchten, dass der Spiegelartikel und die folgenden Veröffentlichungen in der FAZ und der Jungen Freiheit auch Nachteile für weitere Tätigkeiten von Dissens nach sich zieht.

Wir appelieren an die Kooperationspartner von Dissen in kritischer Solidarität verstärkt mit dem Verein zusammen zu arbeiten.

Wir sprechen Dissens und allen MitarbeiterInnen unsere Solidarität aus.

Mit freundlichen Grüßen
Christian Raschke
Vorstand von Gender Diversity - Fachverband für gender-kompetente Bildung und Beratung e.V.