Paul und Paula fragen nach - auf der Suche nach dem Traumberuf...
3. Berufliche Biografien
3.9. Die Gastronomie - Ausbilderin - aus Berufsbiografie und -alltag
Auf Wunsch der SchülerInnen, die auch andere Berufsbilder erkunden wollten, besuchten wir BerufspraktikerInnen, die in Berufen arbeiten, in denen die Geschlechtsspezifik in eine nicht so stark ausgeprägte Tendenz geht.
Heike B., Ausbilderin beim Verein Frau Sucht Zukunft
Heike Berents empfing uns sehr freundlich im Cafe Seidenfaden in Mitte mit Apfelschorle und Cola. Das Cafe ist ein Projekt von "Frau Sucht Zukunft" e.V., es dürfen nur Frauen und Mädchen in diesem Cafe zu Gast sein, Männer sind ausgeschlossen. Uns hat interessiert warum?
Der Grund hat mit dem Anliegen des Vereins zu tun. Er hilft Frauen, die ehemals durch verschiedene Drogen süchtig waren, bei stationärer und ambulanter Therapie, bei der Lebensplanung und beim Wiedereinstieg in das Berufsleben. Die Drogenkrankheit der Frauen hatte in der Regel stets mit Gewalt zu tun, die von Männern in ihrer Umgebung auf sie ausgeübt wurde. Deshalb sind die Räume, in denen die Frauen nun arbeiten, das Cafe und die Küche, Schutzräume, Räume, die nicht an Vergangenes erinnern sollen.
Heike hat eine sehr interessante Berufsbiografie. Sie kommt aus Emden in Friesland (da, wo auch Otto geboren ist), hatte die Kleinstadt satt und ging 2003 nach Berlin. Eigentlich studierte sie Geografie und Volkswirtschaft, arbeitete aber auf diesem Gebiet nie.
Was sie aber schon immer getan hat, war Kellnern und im Gastronomischen tätig sein, wo es viel Geld zu verdienen gab. Sie leitete eine Bar, jobbte und irgendwann wollte sie auf solideren Füßen stehen und besuchte noch einmal die Hotelfachschule. Dann sah sie ihre Chance bei "Frau Sucht Zukunft" und fing als Ausbilderin für den Beruf Fachkraft im Gastgewerbe an.
Wir fragten Heike nach diesem Beruf aus, den wir noch nicht kannten.
Die "Fachkraft" dauert 2 Jahre, man braucht mindestens einen guten Hauptschulabschluss und hat mit diesem Beruf sozusagen einen Einstieg ins Gastronomische, kann als KöchIn weitermachen oder als Restaurantfachfrau/mann.
Was lernt man in dieser Ausbildung? Was bringt Heike den Frauen hier bei? Zunächst pünktlich zu sein, verantwortungsvoll, wieder soziale Kontakte zu knüpfen, zu kommunizieren und zu begreifen, dass eine Arbeit zu haben bedeutet, wieder einen Sinn im Leben zu finden. Dann: wie man viele Teller trägt, wie man den Gast richtig behandelt, das Besteck hinlegt, welche Service-Regeln es gibt, was eine gute Deko ist, was gutes Benehmen und Aussehen.
Weiterhin, wie man kocht, also die Grundregeln, welche Schneidetechniken es gibt, auf welche Hygieneregeln zu achten ist, mit welchen "Rohstoffen" man in der Küche arbeitet, außer mit Alkohol. Der ist tabu auf der Speisen- und Getränkekarte von "Frau Sucht Zukunft", wie wir von Heike erfuhren. Und wir hörten, dass Köchin ein harter Beruf ist, sehr zeitaufwendig, kein von 9-17 Uhr Job. Aber, so motivierte uns Heike, gute Gastronomen und Köche/innen sind in Deutschland und in der Welt gefragt und man hat tolle Entwicklungs- und Aufstiegschancen.
Wir fragten sie noch nach dem Klima im Verein, in Küche und Cafe und sie erzählte uns, dass es ganz wichtig wäre, bei stressigen Berufen eine gute zwischenmenschliche Atmosphäre zu haben. Kein Gezicke also und kein autoritäres Gehabe, klare Regeln und ein freundliches Miteinander. Das gibt es bei Frau Sucht Zukunft. Danke für diesen Besuch und die Aufmerksamkeit.
Reflektion
Beeindruckend war für uns, zu erleben, wie zielstrebig und selbstbewusst Heike den Beruf anpeilte, der ihr auch wirklich Spaß macht, unabhängig davon, was man/frau ursprünglich gelernt hat. Wir erfuhren also, dass es auf unterschiedlichen Wegen zum Ziel gehen kann. Dann fanden wir auch die Atmosphäre, die unter den Frauen herrschte sehr gut. Kein Mobbing, kein Gezicke. Wir wissen, dass in der Küche zu Hause oft die Frauen stehen, erfuhren aber von Heike, dass im Beruf zunehmend auch Männer als Köche arbeiten.



