Fortbildungsreihe "Schule: Ein Ort geschlechterreflektierter Arbeit mit Jungen?!"

Start der Fortbildungsreihe in Berlin und Brandenburg: Anfang Februar im SFBB. [Mehr Information]

Call for Contributions: Internetportal Intersektionalität

Für ein Internetportal zum Thema Intersektionalität/Interdependenzen suchen wir Beiträge mit intersektionalen Themenausrichtungen und Formaten. Mehr Information

3. Berliner Fachtag Jungenarbeit

Dokumentation zum 3. Berliner Fachtag Jungenarbeit erschienen. Mit Beiträgen von Prof. Detlef Pech, Koray Yilmaz-Günay und Dissens-Mitarbeitern.

Praxishandreichung Jungenarbeit erschienen

"Die vielen Seiten der Männlichkeiten - Grundlagen geschlechterreflektierter Jungenarbeit" ist in Kooperation mit dem SFBB entstanden. [Mehr Information]

Paul und Paula fragen nach - auf der Suche nach dem Traumberuf...

Inhalt

3. Berufliche Biografien

3.10. Der Journalist und Filmemacher - aus dem beruflichen Alltag

Kamera

Lutz R., freier Journalist bei NOAH-Film

In einer Filmfirma wie dieser, für das Fernsehen insgesamt, arbeiten verschiedene Menschen mit verschiedenen Ausbildungen.

Kamerafrauen und -männer, Regisseure/innen, TonmeisterInnen, SchnittmeisterInnen, Journalisten und Journalistinnen. Es gibt sehr viele Frauen in diesen Berufen, auch sehr gute Frauen. Männer arbeiten mehr im Kamera- und Tonbereich.

Unter den Aufnahmeleitern/innen oder Cuttern/innen, das ist der Filmschnitt am Computer, unter den Regisseuren/innen und Journalisten/innen sind viele Frauen.

Wir drehen bei NOAH-Film (wir sind eine reine Männermannschaft) vor allem längere Filme, so 4-7 im Jahr, für verschiedene Sender, MDR, RBB, ARD oder auch schon für ARTE. Wir arbeiten viel in Deutschland, vor allem im Osten und viel in Thüringen und Sachsen, machen Reportagen, Porträts und Dokumentationen. Wir waren in Sibirien, in der Mongolei, in Brasilien, jetzt fahren wir in den Ural, um einen Film über die ehemalige Erdgasleitung, die Trasse, zu drehen.

Der Journalist

Ja, wie sieht mein Arbeitsalltag aus? Ich denke mir vor allem Filmthemen aus, das ist das Wichtigste. Zeitungen lesen, Bücher lesen, im Internet recherchieren. Wenn man etwas Spannendes gefunden hat, muss man es so aufschreiben, man nennt es ein Expose erarbeiten, dass die Redakteure/innen in den Sendern eine Vorstellung bekommen, wie aus meiner Idee ein Film wird.

Die Kalkulation folgt, also die genaue Rechnung, welches Geld der Film kosten soll, damit wir die Rechnungen bezahlen können und die Mitarbeiter.

Kommt das O.K. vom Sender, geht die eigentliche Arbeit am Film los.

Nochmalige thematische Recherche, Suche nach Gesprächspartnern, Filmdreh, Filmschnitt, am Ende Zusammensetzen von Bild und Ton und die Abnahme beim Sender.

Was ich besonders gut kann? Ich kann gut zuhören, habe gute Ideen und kann gut schreiben. Schreiben ist die Hauptsache. Und es ist am Ende eine einsame Tätigkeit, die man ganz allein betreibt.

Das sind die Grundfähigkeiten, die ein/e JournalistIn mitbringen muss.

Ich habe Journalistik studiert, das kann man heute auch, aber viele Leute kommen als Quereinsteiger, mit anderen Studienabschlüssen, z.B. Politikwissenschaft. Dann gibt es noch spezielle Schulen, auf denen sie ausgebildet werden.

beim Interview

Die Arbeit mit Menschen ist in diesem Beruf entscheidend. Viele Kontakte sind nötig, denn wenn man etwas nicht selbst erlebt hat, muss man die Leute aus der Zeit befragen, die die Ereignisse kennen, um z.B. eine gute geschichtliche Dokumentation zu machen. überhaupt, um sich in jedes Thema hineinzuversetzen.

Gut ist, wenn Vertrauen entsteht, eine Beziehung, damit die Leute auch sehr private und emotionale Dinge erzählen.

Interessant sind die Biografien von Leuten, es gibt wirklich sehr viele interessante Menschen.

Mit welchen Materialen arbeiten wir? Mit Ideen und mit der Kamera. Es ist eine professionelle digitale Beta-Kamera, mit der kann man auch Spielfilme drehen. Wenn wir Land und Leute, ihre Lebenswelt filmen, dauert das 5-10 Tage.

Ob der Beruf anstrengend ist? Mal ja, mal nein. Die Arbeit geht oft in die Freizeit über und umgekehrt, das mein ich positiv, die Arbeit ist sozusagen mein Privatvergnügen. Jeder Film ist wie ein eigenes Kind. Es ist dann kein anstrengender Beruf, wenn man ihn wirklich gern macht. Und das tu ich.

beim Interview

Der Vorteil ist: ich lerne viele interessante Menschen kennen, Lebenskünstler, Leute mit einer besonderen Vision, mit einem Spleen, mit spannenden Projekten und Meinungen. Es ist nie langweilig. Ich komme an viele Orte und erlebe viele Geschichten.

Und, was besonders schön ist, ich muss nicht um 8 im Büro sein, kann mir die Zeit selbst einteilen, ich bin ja mehr ein Nachtmensch.

Die Arbeit geht oft auch 10-12 Stunden am Tag, da braucht man auch eine tolerante Familie, vor allem eine tolerante Frau.

Der Nachteil: Es gibt einen kleinen Nachteil: man muss immer erreichbar sein.

Der große Nachteil ist: wenn man einen Film nicht los wird, wenn man ein Thema nicht unterbringen kann, wird's eng. Letztes Jahr haben wir 20 Themen rausgegeben und nichts wurde in den Sendern angenommen.

In solch einer Situation kann eine Firma pleite gehen. Du weißt, und das ist fast immer so, am Anfang des Jahres nie, wie es wird und dann habe ich keinen freien Kopf mehr.
...für meinen Traumberuf.

Auszüge aus dem Interview,
Eugen Meier und Julian Pioreck, Klasse 9/23

Reflexion der Exkursion

Nicht nur, dass die Jungengruppe ihre flapsige Dynamik auf dem Weg nach Mitte in ernsthafte eigenjournalistische Arbeit umsetzen konnte, denn sie befragte den Filmemacher Lutz Rentner mit schwitzenden Fingern fast professionell und sehr neugierig, nicht nur, dass auch die Arbeitslehrepädagogin ihre Schüler einmal außerhalb des Unterrichtes und in der Praxis erleben durfte, sind Effekte dieser Berufsexkursion, sondern auch das Kennenlernen eines anderen Stadtraumes, z.B. Mitte oder Kreuzberg. Das sind Lernmomente ganz nebenbei, denn immer noch gehen MarzahnerInnen nicht sehr weit über ihre Stadtbezirksgrenzen hinaus, kommen ihnen Menschen anderer Kultur oder anderer Lebensweise sehr fremd vor.

beim Interview

Die Gruppe tauchte in einen Beruf ein, der als Medienberuf ganz oben auf den Wunschlisten von Jugendlichen rangiert und von dem man glaubt, er würde relativ einfach auszuüben sein. Diese Vorstellung wurde relativiert. Es gehört Neugierde, Wissen, Allgemeinbildung, eine gute Sprache und ein Talent zum Schreiben dazu wie auch die Fähigkeit, sehr sensibel auf Menschen einzugehen - das sind anspruchsvolle und vielfältige Fähigkeiten, die es lohnt, bereits in der Schule zu trainieren.

Die Gruppe erfuhr auch, dass es sich um einen Beruf handelt, in dem in der Gegenwart Frauen und Männer gleichberechtigt arbeiten, (in der Chefetage dominieren die Männer) der aber die Familie beansprucht, weil er ein sehr zeitintensiver Beruf ist, der die Toleranz der PartnerIn braucht und ein gutes Familien-Timing. Interessant war die Information über die Vielfältigkeit der Berufsbilder im Journalismus und die Erfahrung, dass man seine Tätigkeit auch als Selbständiger ausüben kann und was das bedeutet.

Das Gespräch, das die Jungen mit dem Journalisten führten, hatte eine sehr gute Qualität, sie selbst äußerten sich auch positiv über diesen Vormittag, der viel spannender war als Schule. Mir, ich bin seit 8 Jahren in der Mädchenarbeit tätig, hat das Projekt mit den Jungen großen Spaß gemacht, auch deshalb weil ich die Erfahrung machen konnte, dass sie ihre "Rüpelhaftigkeit und Lautstärke", die sie in Gruppen oft entfalten, in ernsthafte Arbeit umwandeln können.

Eugen Meier und Julian Pioreck, Klasse 9/23
Janett Köber, MiM e.V.

Eine Mädchengruppe hat den Journalisten Lutz R. während des Berufeprojektes ebenfalls besucht. Interessant bei dem Gespräch war die Diskussion um die Möglichkeiten, die Frauen im journalistischen Bereich, (der etwas völlig anderes ist als Moderation) und vor allem auch im technischen Bereich haben. Warum versuchen es Mädchen nicht mal als Tonfrau? Oder als Kamerafrau ! Diese beiden Berufe sind immer noch eine Domäne der Männer.

Janett Köber

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